IoT: Die Greenfield-Platform

Die Feier zum 25-jährigen Jubiläum nutzte DELTA LOGIC, um eine gemeinsam mit RST Industrie Automation entwickelte IoT-Plattform vorzustellen. Was dahinter steckt, erläutert DELTA LOGIC-Geschäftsführer Rainer Hönle im Interview.

Herr Hönle, was genau steckt hinter der neuen IoT-fähige Plattform?

Rainer Hönle: Ich würde die Plattform als einen ‚Missing Link‘ im Angebot der Digitalisierungslösungen bezeichnen. Denn die meisten Plattform-Lösungen sind wieder mehr oder weniger geschlossene Lösungen, die nur selten das sogenannte ‚Brown Field‘, also bestehende Produktionsanlagen mit einbeziehen. Unsere Plattform bietet mit etwa 70 verschiedenen Interfaces und Protokollen eine fundierte Voraussetzungen für die Integration bestehender Anlagen.

Bei der Lösung kommt von unserem Partner RST die Middleware ‚Gamma V‘, von uns die Kommunikations-Bibliothek ‚ACCON-AGLink‘. Da vor allem in Deutschland die meisten Produktionsanlagen mit Siemens-Steuerungen realisiert sind, stellt unsere Kommunikationsbibliothek, die nahezu alle S5- und S7-Steuerungssysteme unterstützt, wohl das wichtigste Integrationselement dieser Plattformstrategie dar.

Wie geht man bei der Implementierung der Plattformlösung vor?

Rainer Hönle: Hier steht bei uns die Kundenforderung im Vordergrund, nach der die bestehende Produktionssteuerung nicht verändert werden darf. Mit unserer Lösung muss die Pro­duktion nicht einmal unterbrochen werden. 

Die notwendigen Veränderungen erfolgen dann erst innerhalb eines digitalen Zwillings, in dem neben den Steuerungsinformationen alle zusätzlichen Sensoren eingeblendet werden. Sämtliche digitalen Zwillinge werden synchron miteinander vernetzt und bilden dann eine erste semantische Daten-Ebene auf dem Shop Floor. 

Von hier aus werden Prozessparameter über eine offene Schnittstelle in Big-Data-Anwendungen wie zum Beispiel ‚Elastic Search‘ gestreamt und dort mit Kibana visualisiert oder mit Machine-Learning-Algorithmen entsprechende Kriterien ermittelt. Auch Services – wie Predictive Maintenance – lassen sich auf dieser Ebene sehr schön aufsetzen. 

Ob die Daten dann über OPC UA, dem IoT-Standard DDS oder anderen Formaten weitergereicht werden, hängt von der jeweiligen Architektur der Produktionsanlage ab. Dabei versteht es die Gamma-V-Plattform wie kein anderes System, die verschiedenen Technologien miteinander zu verbinden.

Welche typischen Anwendungen lassen sich mit der Plattform umsetzen?

Rainer Hönle: Die Middleware Plattform ist entfernt vergleichbar mit einer Steuerungsplattform, wie sie von einigen Herstellern angeboten wird. Im Gegensatz dazu setzt die Plattform weder ein Programmierwerkzeug noch eine spezifische Hardware voraus. Daraus lassen sich mehrere Anwendungen ableiten. So übernimmt sie etwa Steuerungsaufgaben auf dem Shop Floor – als digitaler Zwilling oder als natives Steuerungssystem von Produktionsabläufen. Zum Einsatz kommt diese Kombination zum Beispiel in der Kabel- und Antennenfertigung aber auch in der LED-Fertigung, zum Beispiel bei der Firma Osram. Unsere Lösung ist ferner bei Maschinenbauern im Einsatz. Zum Beispiel setzen die Firmen Mahlo oder Hefter Maschinenbau diese Plattform als Basissteuerung für ihre zukünftigen Maschinen ein. Ein weiteres Anwendungsfeld sind MIL, SIL und HIL-Teststände in der Entwicklung und Fertigung. 

Häufig entstehen auch Kombinationen aus den drei vorgestellten Plattform-Beispielen.

Wie hebt sich Ihre IoT-Lösung von anderen Plattformen wie etwa Mindsphere ab?

Rainer Hönle: Die Stärke von Plattformen wie Mindsphere liegt in ihrer aufeinander abgestimmten Gesamtlösung. Jedoch fehlt den ‚Big Player‘-Technologien die Flexibilität und Vielfalt einer offenen Middleware-Technologie. 

Was sind die Themen, die DELTA LOGIC in Zukunft angeht?

Rainer Hönle: Wir planen in nächster Zeit weitere Steuerungshersteller zu integrieren. Das Hauptthema ist hierbei natürlich die Messdatenerfassung und das idealerweise ohne das bestehende SPS-Programm beziehungsweise die bestehende SPS-Konfiguration zu modifizieren. 

Durch unsere Kooperation mit 3S-Smart Software Solutions haben wir ja die ­Möglichkeit, auf die Steuerungen mit einem Codesys-Laufzeitsystem zuzugreifen und die Daten zu erfassen. Und die Anzahl der verkauften Codesys-Laufzeitsysteme beträgt derzeit weit über fünf Millionen Stück, also ein ziemlich erheblicher Anteil. 

Natürlich geht es bei der Kommuni­kation und der Messdatenerfassung nicht nur um den Zugriff auf Speicherpro­grammierbare Steuerungen sondern – da im Industrie 4.0-Umfeld immer mehr gefragt – auch um Zugriff auf die Werkzeugmaschinensteuerungen. Derzeit unterstützen wir fast die komplette aktuelle Simatic- und Sinumerik-Familien. Die noch fehlenden Siemens-Steuerungstypen möchten wir zukünftig auch noch integrieren. Darüber hinaus liegen uns Anfragen nach Unterstützung weiterer Steuerungs- und Werkzeugmaschinensteuerungsherstellern vor. Hier möchten wir passende Lösungen entwickeln. 

Delta Logic ist vor Kurzem dem Verein ‚Embedded4you‘ beigetreten. Was erhoffen Sie sich davon?

Rainer Hönle: Durch die Vielzahl der unterschiedlichen Firmen mit den unterschiedlichsten Kernkompetenzen wird auch eine Vielzahl an Anregungen für die Weiter­entwicklung unserer Kommunikationsbibliothek ‚ACCON-AGLink‘ an uns heran­getragen. Natürlich hoffen wir auch, dass durch die hochkarätigen Partner eine Unterstützung bei den Steuerungsherstellern erfolgt und diese eventuell sogar zu einer Zusammenarbeit bereits sind. Dies vereinfacht die Implemen­tierung weiterer Protokolle deutlich. Und schließlich erhoffen wir uns durch unseren Beitritt die Mitarbeit an neuen und interessanten Schlüsseltechnologien.  

Erschienen auf computer-automation.de
Das Interview führte Lukas Dehling.
Foto: Roman Hermann

Auf dem Bild: Rainer Hönle (DELTA LOGIC Automatisierungstechnik GmbH), Robert Schachner (RST Industrie Automation GmbH)